Die Kunst des Degustierens
oder: Warum Trinken viel mehr Spaß macht
Vielleicht
ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Deutschland ist das Land der
Experten. Kaum schaltet man den Fernseher ein, äußert sich auch schon
zu irgendetwas ein Sachverständiger: der Terrorismus-Experte zu Bin
Ladens Höhlenversteck (das so schlau ist, dass auch er es leider nicht
aufspüren kann), die Society-Expertin zu Lilly
Kerssenbergs-jetzt-Beckers jüngsten Ultraschallbildern, der
Styling-Experte zur Kanzlerinnenfrisur und natürlich die Zahnarztfrau
zur richtigen Zahnpasta. Nimmt man noch die Stiftung Warentest dazu,
die quasi Experte für alles ist, von der Waschmaschine bis zum
Olivenöl, ist ja klar, dass der Ottonormalmensch dabei
Minderwertigkeitskomplexe kriegen muss. Ohne Expertenmeinung fühlt er
sich schnell verloren. Und je vermeintlich mondäner das Thema, desto
größer der Komplex. Zur Veranschaulichung folgendes Experiment: Stellen
Sie Freunden drei Pizzas und drei Flaschen Wein auf den Tisch und
fragen Sie, was sie davon halten. Wetten, dass dieselben Menschen, die
in die Pizza beißen und «Lecker!» sagen, ihre Weinantwort mit den
Worten «Ich versteh ja nichts von Wein» beginnen? Kaum einer kommt auf
die Idee, sich für sein fehlendes Pizza-Expertentum zu entschuldigen,
aber beim Wein, da werden sie alle schüchtern. Wahrscheinlich haben sie
in den Kochsendungen im Fernsehen zu viele Weinexperten gesehen. Darauf
führe ich übrigens auch die Tatsache zurück, dass neuerdings jeder
denkt, Wein degustieren zu müssen, statt ihn einfach nur zu trinken.
Aber
es gibt ein Mittel gegen Wein-Minderwertigkeitskomplexe. Es heißt
gepflegtes Halbwissen. Hier kommt es – damit Sie beim nächsten Mal fast
ganz komplexfrei mitreden können. Also: Wenn ein Fernsehsommelier
ausschweifend Farbe und Aroma eines Weins beschreibt, ist das Meiste
davon Show. Attribute wie «Himbeere, Leder und weißer Pfeffer» sagen
nämlich nicht nur wenig über die Weinqualität aus, sondern sind für den
Zuhörer auch kaum nachvollziehbar, da dieser im selben Wein
möglicherweise etwas ganz anderes riecht. Schuld daran ist nicht
Unwissenheit, sondern der kleine anatomische Unterschied (ich spreche
von den Duftrezeptoren in der Nase, bitteschön!), der uns alle einmalig
macht. Einige Indizien gibt es allerdings, die tatsächlich handfeste
Schlüsse über den Rebsaft zulassen. Zum Beispiel die Farbe: Je mehr sie
sich von Violett weg zu Ziegelrot bewegt, desto älter ist der Tropfen.
In der Nase sind paradoxerweise die unappetitlichen Düfte die
aufschlussreichsten: Muffige und schweflige Gerüche, Essig- und
Klebertöne weisen auf Weinfehler hin, der Duft von grüner Paprika ist
ein Hinweis auf unreife Trauben. Hingegen sind fruchtige und blumige
Aromen, Holz- und Gewürznoten letztlich nicht viel mehr als
Geschmackssache oder höchstens ein Indiz für die Rebsorte: Cabernet
erinnert viele Menschen an Cassis, Syrah an Veilchen und Lakritz,
Tempranillo an Kirsche, Merlot an Pflaume, Riesling an Pfirsich und
Aprikose. Im Mund sind die Qualitätskriterien dann immer gleich: Ein
guter Wein hat einen sanften Ansatz, eine präsente Mitte, also kein
«Aroma-Loch» oder wässriges Gefühl im Mund, und einen langen Nachhall.
Und
zum Strunzen noch ein paar praktische Verkostungs-Insidertipps:
Elegantes Spucken übt man am besten beim Mundspülen nach dem
Zähneputzen oder, wie Önologie-Studenten im ersten Semester, auf dem
Rasen. Eine präzise Anleitung dafür gibt es leider nicht – das ist
wirklich Übungs- und Gefühlssache. Wer wissen will, wie viel Promille
er nach einer Degustation im Blut hat, für den gibt es eine mächtig
eindrucksvolle, empirisch belegte Formel: Man rechne das einverleibte
Weinvolumen (trotz Spucken zwei Milliliter pro Schluck) mal
Alkoholgrad, multipliziere mit acht (das ist die Dichte des Alkohols),
teile dies durch das Gewicht des Verkosters in Kilo und multipliziere
das Ganze zuletzt mit dem Koeffizienten 0,61 für Männer und 0,71 für
Frauen. Alles klar? Was die Formel vor allem heißt, ist, dass man
ziemlich viel degustieren muss, um davon betrunken zu werden. Zuerst
bekommt man vom Verkosten einen fürchterlich trockenen Mund. Und den –
auch das ein Profitipp – bekämpft man am besten mit einem ganz banalen
kühlen Bier, das die Säfte wieder ans Fließen bringt.Na bitte, und schon sind Sie Experte! Aber bei all dem nicht vergessen: Der beste Wein ist nicht der, den Sie nach wissenschaftlicher Sezierung zum Degustationssieger erklärt haben. Der beste Wein war in der Flasche, die am Ende des Pizza-Essens leer auf dem Tisch steht.

Die Kunst des Digustierens
Wieder ein Superjahr
Rioja molekular
Abends kommt der Rabbi
Parkers größtes Kompliment




Die Glas-Menagerie
Mein Tag als Erntehelferin
top